Saurer Spargel

Eine Erntehelferin wehrt sich gegen die „Normalität“.

Das die Situation und die Erwerbsumstände prekär sind, wissen jene, die es wissen wollen, schon seit geraumer Zeit. Alle anderen wurden dieser Tage erneut durch einen Bericht in den Medien auf die teilweise katastrophalen Zustände aufmerksam gemacht.

Eine Rumänin hatte mit Hilfe der Kampagne „Sezonieri“ die Öffentlichkeit via sozialer Medien aufmerksam gemacht. Die von der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge unterstützte Kampagne macht seit 2014 auch in Österreich auf die Arbeitsbedingungen von mehrheitlich migrantischen Erntearbeitern aufmerksam. Sezonieri-Aktivistinnen hatten die Fotos dann via sozialer Medien verbreitet. Die Bilder zeigen kleine desolate Zimmer, mit Schimmel an den Wänden und Kakerlaken in den Betten. In einem Raum wurden bis zu elf Personen in Stockbetten untergebracht. Die sanitären Anlagen würden teilweise so nicht einmal in der Tierhaltung durchgehen. Pro Tag wurde jeden „Insassen“ vier Euro für die „Unterkunft“ abgenommen.

EIn Bild der „Sezonieri“-Mitarbeiterin von der „Unterkunft“

Auf der anderen Seite wurde verlangt, täglich zwischen 14 – 15 Stunden für vier Euro Stundenlohn zu arbeiten. Laut Kollektivvertrag muss man Erntehelfern in Niederösterreich 8,66 Euro pro Stunde brutto zahlen, das sind 7,07 netto. Der monatliche Mindestlohn ist 1224,21 Euro netto und muss monatlich ausbezahlt werden. Für die Unterbringung darf der Arbeitgeber maximal 1,31 pro Tag abziehen. Frau A. sagt, der Vertrag, den man ihr vorab nach Rumänien schickte, war okay. Er wurde aber ihrer Meinung nach nicht eingehalten.

Wer nun glaubt, dies sei ein Einzelfall, irrt. Die MitarbeierInnen der Kampagne „Sezoneri“ berichten, dass „bei vielen Arbeitgebern ein Unrechtsbewusstsein fehlt, sie sehen überhaupt nicht, dass die Nichteinhaltung eines Kollektivvertrags ein Gesetzesbruch ist“.

Dass es immer wieder in österreichischen Landwirtschaftsbetrieben zu Lohndumping komme, sei auch kein Geheimnis, sagt die Gewerkschaft Pro-Ge: „Die ohnehin schon niedrigen Löhne für ErntehelferInnen werden immer noch weiter unterboten, die legalen Arbeitszeiten massiv überzogen und ArbeitnehmerInnen über ihre Arbeitsrechte im Unwissen gelassen.“

Darüber hinaus beklagte sich die Erntehelferin, dass in der Halle, in der sie den nassen Spargel sortierte, trotz Corona-Vorgaben der Regierung, ohne Schutzmasken und Handschuhe gearbeitet wurde. „Bei einer Kontrolle im Mai hat uns die Chefin dann schnell Masken gegeben, aber die wären schon gebraucht gewesen“, so die Erntehelferin, Handschuhe hätte sie sich auch selbst gekauft, weil die Chefin sie wegen ihrer Einwände nur lächerlich gemacht habe.

Während die Arbeitgeberin alle Vorwürfe als Lügen abtut, nimmt sie der Obmann des Vereins „Genussregion Marchfeldspargel“, Werner Magoschitz, ernst. Er habe am Montag eine außerordentliche Vorstandssitzung des Vereins einberufen. „Denn der Marchfelder Spargel ist eine geschützte Marke, wir wollen kein schlechtes Image“, so Magoschitz, „wir überlegen jetzt, soziale und hygienische Standards für die Arbeiter in unsere Statuten aufzunehmen.“

So wie es aussieht, hat sich hier die Tür zu einem System im System geöffnet, für das die breite Öffentlichkeit bisher nur überschaubares Interesse gezeigt hat. Es ist zu hoffen, dass hier endlich die Mindeststandards bei der Produktion, den Arbeitsbedingungen und Unterkünften für die Erntehelfer eingehalten werden. Es kann und darf nicht als normal angesehen werden, dass diese Menschen wie Sklaven behandelt und untergebracht werden, und ihnen für die Zeit ihrer Tätigkeit jegliche Menschenwürde genommen wird.

Denken Sie bitte daran, wenn Sie das nächste Mal in den knackigen Spargel beißen …

Quellen: orf.at, der Standard und APA, 17.06.2020

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