Das sexuelle Gewalt auch von Frauen ausgeübt werden kann, wurde bisweilen lange übersehen oder lag einfach nicht auf dem Schirm der Wahrnehmung. Spätestens aber, seit mit der „Affäre Epstein“ viele „neue“ Erkenntnisse zutage getreten sind, sollte damit Schluss sein.
Leider herrscht vieler seits immer noch das traditionelle Bild der Frau als Mutter-Ideal bzw. des liebevollen und gewaltlosen Menschen vor. Dass dies eigentlich nicht so ist, zeigt die forensische Psychiaterin Sigrun Roßmanith aus Wien am Fall von Ghislaine Maxwell auf.
Rein statistisch gesehen sind Frauen als Sexualstraftäterinnen zwar eine Minderheit, denn nur etwa zwei Prozent der registrierten Sexualdelikte werden von Frauen begangen. Doch selten bedeutet nicht unbedeutend. Weibliche Beteiligung an sexualisierter Gewalt beschränkt sich nicht nur auf direkte Täterinnenschaft, sondern umfasst auch Komplizinnenschaft. Etwa, wenn Frauen die Rolle eines „Lockvogels“ übernehmen.
Das Perfide an der Sache: Selbst Opfer erkennen den Missbrauch häufig erst spät. Eine Untersuchung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf über sexuellen Kindesmissbrauch durch Frauen zeigte etwa: Vier von zehn Betroffenen erkannten zum Zeitpunkt der Straftat nicht, dass sie missbraucht wurden. Mehr als ein Drittel der Befragten stufte das Geschehen als „normal“ ein. Viele Fälle werden genau deshalb nie angezeigt.
Der Fall Ghislaine Maxwell bring einmal mehr zutage, wie gefährlich dieser Mechanismus nicht nur für die Opfer sein kann. Auch die Gesellschaft nimmt hohen Schaden, da sie lange nicht wahrhaben wollte, welche Rolle Frauen als Täterinnen und Komplizinnen in solchen Geflechten spielen.
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Quelle: Der Standard vom 17.3.2026