Moderne Sklaverei

Moderne Sklaverei

Der größte Anteil der heutigen 27 Millionen Sklaven, etwa 15 oder sogar 20 Millionen, lebt in Südasien. Indien ist die weltgrößte Demokratie, aber innerhalb des Landes sind mindestens zehn Millionen Menschen als Haushaltshilfen, in Zwangsehen, Zwangsprostitution und Schuldknechtschaft gefangen. Ursachen dieser Sklaverei sind u.a. extreme Armut, Diskrimination aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder Kaste, Polizeikorruption und die niedrigen Verurteilungsraten von SklavenhälterInnen. Die ILO schätzt, dass heute etwa 80% der Sklaven durch „Privatagenturen“ ausgebeutet werden, und etwa 20% durch den Staat oder Rebellengruppen. Die meisten Opfer arbeiten in einfachen Tätigkeitsfeldern wie etwa der Landwirtschaft. Nur in den Industriestaaten dominiert die Ausbeutung im Sexgewerbe (Zwangsprostitution). Sklaven produzieren viele unserer täglichen Verbrauchsgüter, wie etwa Teppiche, Kakao, Wolle, Rindfleisch, Tomaten, diverse Früchte, Fisch, Gold, Diamanten, Schuhe, Reis und Kleidung.

Kindersklaven

Ein großer Anteil der weltweiten Sklavenarbeit wird von Kindern verrichtet, wie etwa die sexuelle Ausbeutung oder die Ausbeutung im landwirtschaftlichen Bereich. Die ILO schätzt, dass sich heute circa 8,4 Millionen Kinder in Schuldknechtschaft und/oder Leibeigenschaft befinden, die Mehrheit von ihnen im asiatisch-pazifischen Raum (etwa 5,5 Millionen Kindersklaven). Von diesen 8,4 Millionen Opfern sind etwa 1,2 Millionen Betroffene von Menschenhandel.

Alte und neue Sklaverei

Die Sklaverei heute ist im Gegensatz zu früher globalisiert und illegal. In der Gegenwart handelt es sich um kurze Beziehungen zwischen SklavenhändlerInnen und ihren Opfern, in der Vergangenheit waren diese Bindungen viel länger. Sklaven heute sind Wegwerfartikel. Sie kosten in der Anschaffung wenig Geld, versprechen zum selben Zeitpunkt allerdings enorme Gewinne. Heute kann man einen Sklaven um einen Spottpreis von etwa 10 US$ käuflich erwerben, im Durchschnitt kostet ein Sklave nicht mehr als 90 US$. Sklaven haben keinen freien Willen, stehen unter Kontrolle wie etwa durch Gewaltandrohung und sie werden ausgebeutet. Sie erhalten keinen oder einen geringen Lohn.

Menschenhandel

Das Verbrechen „Menschenhandel“ ist eine globale Schande der Menschheit. Jeder Kontinent und beinahe jedes Land sind davon betroffen. Opfer kommen in vielen Fällen aus Afrika und Asien. Zahlreiche Opfer von Menschenhandel bleiben in Asien, da bei diesem Verbrechen kein Verlassen des eigenen Landes notwendig ist. Jedes Jahr werden in etwa 800.000 Männer, Frauen und Kinder Opfer von Menschenhandel. Die Mehrheit der Betroffen von Menschenhandel werden Opfer der Sexindustrie, die Minderheit von Zwangsarbeit. Meist werden Menschen von ärmeren Ländern (Süden) in reiche Länder (Norden) gehandelt. Hinzu kommen regionale Besonderheiten, wie etwa in Indien, wo viele Opfer im Land selber gehandelt und ausgebeutet werden. Die ILO unterstreicht, dass die moderne Sklaverei und Menschenhandel klare Schattenseiten der Globalisierung sind.

Was tun?

Unterstützen Sie Organisationen, die Sklaverei und Menschenhandel bekämpfen. Stellen Sie PolitikerInnen unbequeme Fragen. Hinterfragen Sie bei täglichen Konsumwaren, ob diese auch fair hergestellt wurden.

Quelle: Kevin Bales

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Themenspezifisches Seminar im Vatikan

Dem Wunsch auf Papst Franziskus folgend organisierte die Päpstliche Akademie der Wissenschaften und die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften gemeinsamen mit der FIAMC einen internationalen Workshop zum Thema Menschenhandel. Über 20 ExpertInnen und über 50 Gasthörer folgen der Einladung und reisen für den Workshop mit dem Titel „Menschenhandel. Moderne Sklaverei. Notleidende Menschen und die Botschaft Jesu Christi“ in die Vatikan Stadt. Dies ist ein besonders wertvolles Zeichen des Kirchenoberhauptes: Der Papst nimmt die gegenwärtige starke Bedrohung des Menschenhandels wahr und ruft gleichzeitig dazu auf, das Leid der Opfer zu hören und bei diesem Verbrechen nicht wegzuschauen.


Die Salvatorianerin Sr. Jean Schafer SDS aus den USA (Bild Mitte) nahm als Gasthörerin am Workshop teil. Sie engagiert sich seit vielen Jahren zu diesem Thema und kämpft gemeinsam mit anderen Ordensgemeinschaften für die zahlreichen Betroffenen weltweit. In ihrem neuen Rundbrief vom November 2013 mit dem Titel „Stop Trafficking!“ (deutsch: Stoppt den Menschenhandel!) erzählt sie von ihrem Seminar-Besuch in Rom. Hier ein paar Auszüge aus ihrem Rundschreiben:

(…) Eine der TeilnehmerInnen des Seminars war Prof. Magaret S. Archer. Sie beschreibt vier wesentliche Merkmale einer Sklaven Beziehung. Diese sei geprägt von einer Beherrschung, dem sozialen Tod, einer Entehrung und Degradierung und nicht zuletzt der Freilassung. In Bezug auf Punkt zwei, den sozialen Tod, sagt Archer: Der Sklave bzw. die Sklavin sei eine sozial tote Person. Völlig entfremdet von allen Rechten; Alle Sklaven erleben eine gewisse säkulare Exkommunikation.

Prof. Juan Jose Llach untermauert, dass besonders Kinder immer mehr vom Verbrechen betroffen sind. Wenn Kinder auf der Straße bzw. in Slums leben, oder aus „zerbrochenen“ Familien kommen, dann steigt das Risiko gehandelt zu werden. Junge Menschen, die „arbeitslos, ohne Bildung und ohne Lehre sind“, bilden demnach eine ernstzunehmende Risikogruppe.

Botschafter William Lacy Swing, Direktor der IOM, geht in seiner Rede näher auf die Rolle der Migration im Bereich des Menschenhandels ein: Von den sieben Milliarden Menschen dieser Erde sind etwa eine Milliarde MigrantInnen. Angst führe leider zu einer globalen Diskriminierung und Ausbeutung von MigrantInnen. Er betont, dass diese in der Praxis besser geschützt werden müssen.

Myria Vassiliadou, EU-Koordinatorin für die Bekämpfung des Menschenhandels, spricht von 23.600 Opfern in der Europäischen Union. 61 % der Betroffenen sind EU Bürger. Leider seien nur etwa 15% der Täter im Zeitraum von 2008 bis 2010 verurteilt worden (…).


Man könnte an dieser Stelle viele Inhalte aus dem Rundbrief zitieren. Wenn Sie noch mehr über den Workshop zum Thema Menschenhandel im Vatikan erfahren möchten, dann können Sie gerne in den beiden angefügten Dokumenten weitere Informationen nachlesen….

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Aktion Ware Mensch, Michaelerplatz 2013

Heute ist EU-Tag gegen Menschenhandel. Die salvatorianischen Gemeinschaften haben bereits gestern, am 17. Oktober 2013, am Michaelerplatz in Wien auf die in Österreich verbreitete Form des Menschenhandels aufmerksam gemacht: den Frauenhandel in die Zwangsprostitution. Und gezeigt, was Ordensfrauen tun können, um den Opfern beizustehen.

Es gibt viele Formen von Menschenhandel. Wie viele Opfer es weltweit gibt, darüber gibt es nur grobe Schätzungen. Es sind jedenfalls Millionen Menschen. Die UNO rechnet mit 500.000 Menschenhandels-Opfern allein in Europa. Für Österreich liegen keine Schätzungen vor. Fest steht, dass Österreich sowohl als Zielland für Menschenhandel, wie auch als Umschlagplatz bei Menschenhändlern beliebt ist. Die häufigste Form des Menschenhandels hierzulande ist Frauenhandel in die Zwangsprostitution.

Importierte Frauen sind billiger

Wiederum sind es nur fundierte Schätzungen, aber diese gehen davon aus, dass mittlerweile bis zu 90% aller Prostituierten in Österreich zwangsweise in diesem Gewerbe tätig sind. Der Preisdruck nach unten ist stark. Importierte Frauen sind billiger. Der Preis dafür ist unermessliches Leid. Unter falschen Versprechungen machen sich Frauen auf ins Ungewisse, um für ihre Familie zuhause Geld zu verdienen. Als Kellnerin, Haushaltshilfe oder Reinigungsfrau, so die Vorstellung der Wagemutigen. Doch der Traum wird sehr oft zum Albtraum, die Wirklichkeit des Geldverdienens sieht anders aus. Für den Fall, dass die Frau Probleme machen sollte, wird ihrer Familie zuhause Böses angedroht. Die Falle hat zugeschnappt.

Elend in „neuen“ EU-Ländern ist Nährboden für Menschenhandel

„Die in Österreich festgestellten Opfer des Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung stammen überwiegend aus den ’neuen EU-Ländern‘ und hier vorwiegend aus Bulgarien und Rumänien. Aber auch Staatsbürger aus den unmittelbaren Nachbarländern wie Ungarn, Slowakei und Tschechien zählen zu den Top-Herkunftsnationen. Das Top-Herkunftsland von Opfern aus Drittstaaten in der sexuellen Ausbeutung ist wie bereits in den vergangenen Jahren Nigeria.“ Klare Worte stehen im letzten Sicherheitsbericht 2011 des Bundeskriminalamtes.

Mädchen brauchen Bildung

Klare Worte findet dazu auch die Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden, Sr. Beatrix Mayrhofer: „Solange Menschen in Armut leben, wird es welche geben, die bereit sind, alles zu riskieren, um ihrem Elend zu entkommen. Solange es zu wenige Bildungschancen für viele Mädchen gibt, wird sich dieses Elend nicht von selbst auflösen. Soziale Sicherheit in den Herkunftsländern und Mädchenbildung sind Schlüsselvoraussetzungen dafür, dass Menschenhändler nicht mehr so leichtes Spiel haben. Wer jetzt vom Menschenhandel profitiert, hat durchaus Interesse daran, dass sich an der Situation in den Herkunftsländern nichts ändert. Und noch etwas ist wichtig: Menschenhändler verdienen unvorstellbar viel Geld mit ihrem Geschäft, weil es Nachfrage gibt. Und zwar bei uns. Freier sind mitschuld am Elend der Frauen. Auch, wenn einzelne versuchen zu helfen, wenn sie erst einmal verstehen, was da läuft. Das ist leider die Ausnahme.“

Menschenhandel in Österreich ist ein großes Tabu

Am Michaelerplatz wurde heuer schon das dritte Mal zum Tag gegen Menschenhandel auf dieses Tabuthema hingewiesen. Mit Kurzfilmen zum Thema, Zeitungsausschnitten und Informationsmaterial warb der von Frauenorden getragene Verein Solwodi gemeinsam mit anderen NGO’s für mehr Interesse vonseiten der Öffentlichkeit. Denn viele wollen von dem Thema lieber gar nichts wissen. „Als wir das erste Mal diesen Infostand aufgestellt haben, haben viele einen großen Bogen um uns gemacht“, erzählt Sr. Patricia Erber, Obfrau von SOLWODI Österreich. „Aber immer mehr Menschen tasten sich an das Thema heran. Manche haben sogar vom Stand gehört und kommen extra her, um sich zu informieren.“

Opfer brauchen Unterstützung, keinen neuen Zwang

SOLWODI Österreich bietet Frauenhandelsopfern eine Unterkunft, die sie sogar mit Kind(ern) beziehen können. SOLWODI verlangt nicht, dass die Frauen vor der Polizei gegen ihre Peiniger aussagen. „Wenn sie erzählen wollen, erzählen sie“, sagt Sr. Patricia. „Aber das dauert oft sehr lange, bis sie so weit sind. Wenn überhaupt. Die Frauen zum Reden zu drängen, könnte zu einer Retraumatisierung führen.“ SOLWODI Österreich hilft den Frauen auch bei Behördengängen, bei der Bewältigung des Lebensalltags, beim Deutschlernen, bei der Arbeitssuche oder bei der Rückkehr ins Heimatland. Ziel ist, dass die Frauen selbständig leben können und sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Anders als bisher. Das gelingt nicht immer. „Manche Frauen verlässt auf dem schweren Weg in die Selbständigkeit einfach die Kraft. Sie ziehen dann wieder bei einem „Freund“ ein und schlittern zurück in den Teufelskreis.“

Quelle: 
http://www.ordensgemeinschaften.at/903-ordensfrauen-gegen-frauenhandel-in-oesterreich

Link zum unisono flashmob: 
https://www.dropbox.com/sh/4ow99ljr9pj7rjh/jE9gaZ7rGl#lh:null-DSCN1327.MOV

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Österreich als Paradies für Menschenhändler

Österreich als Paradies für Menschenhändler

Korosec Lukas, Projektreferent SDS

„Österreich ist mittendrin im Menschenhandel“, sagt Oberst Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung des Menschenhandels, in einem Pressebericht Anfang des Jahres. Deshalb weisen die salvatorianischen Gemeinschaften mit zwei Info-Aktionen in Wien, am 17. Oktober am Michaelerplatz und am 21. Oktober vor der Donaucitykirche, in besonderer Weise auf das Thema hin.

Mehrheit der Opfer werden in der Sexindustrie ausgebeutet
Die meisten Betroffenen von Menschenhandel in Österreich sind Frauen und minderjährige Mädchen, die zur Prostitution gezwungen werden. Die überwiegende Mehrheit der Prostituierten arbeitet keineswegs freiwillig in dieser Szene. Eine Wiener NGO schätzt, dass gerade eine von zehn Frauen diese Tätigkeit ausübt, ohne aufgrund von Drohungen oder Gewalt dazu genötigt zu werden. Wenn ein so genannter Freier den Dienst einer Prostituierten in Anspruch nimmt trifft er nach dieser Statistik folglich mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 90 % auf eine Zwangsprostituierte. SOLWODI Österreich hat mit Ende des Jahres 2012 in Wien eine Schutzwohnung für Opfer von Zwangsprostitution eröffnet und seither vor allem hochschwangere Frauen oder Mütter mit Kleinkindern aufgenommen. Sr. Patricia Erber SDS, Obfrau von SOLWODI Österreich, sieht in der Zwangsprostitution eine Menschenrechtsverletzung und kritisiert, dass Frauen in Europa und in anderen Ländern der Welt in derart extremer Armut, oft mit wenig Schulbildung und ohne Chance auf einen Arbeitsplatz, leben und so gezwungen werden ihren Körper zu verkaufen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen. Andere Betroffene von Menschenhandel werden zur Bettelei gezwungen oder als Hausdienerinnen ausgebeutet.

Nur selten kommt es zu Anzeigen oder Verurteilungen
Tatsache ist, dass Opfer nur selten eine Anzeige bei der Polizei machen. Zu groß ist deren Furcht vor der Rache der Täter. Allzu oft werden nämlich nicht nur sie, sondern auch deren Familienangehörige im Ausland von der Tätergruppe überwacht und bedroht. Betroffene werden meist aus Rumänien, Bulgarien oder anderen Ländern, wo insbesondere Frauen wenig berufliche Chancen haben, mit falschen Versprechungen in den Westen gelockt, um diese dann im Zielland zur Prostitution zu zwingen. Menschenhändler übernehmen häufig die Reise- und Visakosten der späteren Opfer, um diese nachher aufgrund deren Schulden unter Druck zu setzen und zur Prostitution zwingen zu können.

Viele Betroffene in Österreich sind MigrantInnen 
In Österreich werden die Betroffenen in vielen Fällen nicht als Opfer von Menschenhandel erkannt. Man sieht eher die „illegale Fremde“ oder das „Mitglied einer Schlepperbande“ als das Opfer von Menschenhandel. Der Wandel von einer fremdenrechtlichen Perspektive hin zu einer menschenrechtlichen Perspektive wäre nach Univ. Prof. Dr. Manfred Nowak, wissenschaftlicher Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte, in Österreich dringend notwendig. Nur so bestärkt man den Mut der Opfer zu einer Aussage. Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der registriert arbeitenden Prostituierten, nämlich zwischen 85 und 90 %, MigrantInnen sind. Die Verbindung zur obigen Statistik in Bezug auf den Prozentsatz der Zwangsprostituierten fällt einem hier rasch ins Auge. Wenn allerdings die Aussichten auf eine Verurteilung der Täter, auf eine Beschäftigungsbewilligung oder einen Aufenthaltstitel in Österreich derart gering sind, dann ist es nur verständlich, dass die Betroffenen auch weiterhin im Untergrund allzu einfach ausgebeutet werden können, denn kein Opfer wird bei solchen Rahmenbedingungen die Polizei kontaktieren.

Österreich braucht mehr Beamte für den Opferschutz
Es bleibt zu hoffen, dass sich die österreichische Regierung diesem Thema in Zukunft noch mehr widmet. Eine positive Änderung ist das Sexualstrafrechtsänderungsgesetz von 2013, womit versucht wird, den Schutz vor Sexualdelikten auszubauen. Ein weiterer wichtiger Schritt wäre ein ausreichendes, festgelegtes Bundesbudget für den Kampf gegen den Menschenhandel. Es braucht dringend mehr Gelder und auch mehr Beamte für den Opferschutz im Inland.

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Prof. Fuchs – Menschenhandel aus theologischer Perspektive

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Menschenhandel aus theologischer Perspektive

Ottmar Fuchs, Tübingen

1. Was „ist“ Menschenhandel?

Was hat bei alledem die Theologie noch zu sagen, ist sie nicht überflüssig? Es ist doch ohnehin alles klar, jedenfalls für uns hier: Menschen sind nicht vermarktbar, Menschenhandel ist etwas Zerstörerisches und Schlechtes und sollte weltweit geächtet und verboten sein. Und es ist ja gut, wenn die Theologie das bestätigen kann. Nur welchen Wert hat diese Bestätigung? Und gibt es gegenüber dem ohnehin schon Eingesehenen so etwas wie eine Innovation, einen zusätzlichen Horizont? Auf die genaue Wahrnehmung bleiben wir angewiesen, weil daraus, betreibt man sie mit bestimmten Optionen, zugleich Urteile folgen, wie etwa die ethische Option, möglichst genau und gerecht wahrzunehmen. Was bereits wahrgenommen und sozialpolitisch wie auch allgemeinpolitisch angestrebt wird, hat bereits eine so hohe Bedeutsamkeit, dass sich die Theologie am Besten in den Dienst dieser Bedeutsamkeit stellt. Es geht auch für sie darum, nicht wegzuschauen, sondern dorthin schauen zu wollen, wo es weh tut.

Ich gehe im Folgenden nicht empirisch, nicht rechtlich und auch nicht unmittelbar ethisch auf unsere Fragestellung zu, sondern phänomenologisch: Was ist denn das, wenn Menschen mit Menschen handeln, sie zur Ware machen? Welche Haltung kommt darin zum Ausdruck? Wann beginnt das? Wo sind die Anfänge? Und welche Ressourcen gib es, dagegenzu halten? Was ist das „Wesen“ des Menschenhandels? Wo sind die Wurzeln, die anthropologischen, auch die theologischen? In dieser Hinsicht lade ich also dazu ein, von bisherigen notwendigen Analysen einen Schritt zurückzutreten und mit einer aus meinen Überlegungen hoffentlich gewonnenen Einsicht wieder auf dieses Problemfeld zuzugehen. Es geht nicht darum, das Ganze auf „das Böse“ des kriminellen Menschenhandels zu reduzieren, sondern darum, hier die Spitze des Eisbergs wahrzunehmen, nämlich die äußersten Verwirklichungsformen von Einstellungen und Praktiken, auch von Ideologien, die es in der ganzen Gesellschaft und in vielen Bereichen gibt. Es geht darum, wie Frau Salazar gesagt hat, die Ressourcen für „changing mentality“ in unserer eigenen Spiritualität aufzusuchen. Es geht um eine im guten Sinn des Wortes „ideologische Unterstützung“, damit Theologie und Kirche nicht im eigenen Haus mentalitätsmäßig, vielleicht auch ohne es zu wollen und zu wissen, bezüglich solcher Haltungen „religiously sanctifying“ sind. Jede fundamentalistische Heilsexklusivität zum Beispiel wäre so etwas.

Wir sind bereits durch die Analysen zur Vorsicht gemahnt: Vor allem auch zur Vorsicht, mit Innen-außen-Zuteilungen, mit gut-gegen-bös Aufspaltungen allzu leichtfertig umzugehen. Manchmal sind Täter und Beschützer nicht leicht unterscheidbar, sind eher vernetzt und zu wechselnden Situationen und Zeiten oszillierend. Gleichwohl ist festzuhalten: Im Kern gibt es tatsächlich Opfer und Täter mit unabweisbarer Evidenz, die darin besteht, wer denn nun Leid zufügt und wer sie erleidet: Wenn jemand gefoltert wird, kann man nicht mehr die Opfer-Täter-Differenz in diesem Augenblick in Frage stellen.

Aber bleiben wir bei der gegenseitigen Vernetzung, in der wir selber stecken. Es geht um das Verhältnis von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit, von Freiheit und Unterwerfung: bis in religiöse Systeme hinein. Die oft verschleierte Fratze von Institutionen und Menschen ist abzunehmen, damit offenbar werden: Habsucht, Herrschsucht, Befriedigungssucht und Gewalttrieb, Gier, die Erniedrigungssucht, die Gewaltfaszination, das für Andere schädliche Ausleben des Sexualtriebes, und wo man sich nicht scheut, Menschen für die eigenen Zwecke einzusetzen, gar ihre Not auszunutzen, und sie zu erniedrigen. Wo Menschen schon lange vor kriminellem Verhalten zur Ware werden, mit jeder Art von Ver-Warung und Verdinglichung von Menschen. Die Entrüstung über die Anderen, über die Täter, verbindet sich dann mit der entsprechenden Erschrecken uns gegenüber. Viele, und oft auch wir, sind befallen von solchen Haltungen, benötigen Alternativen.

Wenn ein deutscher Generalvikar sagt, dass man mit der Priesterweihe die Menschenrechte verliert, weil man Gehorsam schwört, zeigt sich darin die Wurzel solcher Einstellungen. Oder wenn deutsche Politiker und Politikerinnen in China hinsichtlich der Menschenrechte schweigen oder zurückhaltend sind, damit die vorteilhaften Handelsbeziehungen nicht in Gefahr kommen. All das beginnt ja schon im sogenannten normalen Alltag, wenn sich Frauen in Familien, Arbeitsräumen und in Kirchen als herabgesetzt und gedemütigt erfahren.

2. Spitze des Eisbergs

Der Menschenhandel, sei es in der sexuellen Ausbeutung, sei es in Ausbeutung von Arbeitskraft, ist die Spitze des Eisbergs, die mit den destruktiven Trieben der Menschen und dem Kapitalismus gegeben ist, mit dem Kaufen und Verkaufen als fast einziger Beziehungskategorie und vor allem mit dem Verhältnis von Gier und Wachstum. Die Grenzen zwischen krimineller Energie und Kapitalgewinn sind labil und fließend, wie die öffentlichen Beispiele der Steuerhinterziehung zeigen. Gier ist eine Tugend in dieser Gesellschaft, in der alten Tugendlehre ist Gier aber Habgier und damit absolut negativ besetzt. Im gesamten Kapitalismus wird der Mensch als Ware betrachtet, als das, das was er leistet, ohnehin.

Im Rechtssystem der Antike war das Sklaventum innerhalb des Rechtssystems verankert. Im Niederschlagen von Sklavenaufständen konnte man sich keinen Ruhm erwerben, wie etwa in der Eroberung anderer Länder und Königreiche. Denn dies gehörte zur schmutzigen Wiederherstellung des eigenen Rechtssystems. In der Kriminalisierung der Sklaverei in der Moderne zeigt sie zwar ein anderes Bewusstsein der Sklaverei gegenüber, doch in der Folge geht die damit verbundene Haltung im Frühkapitalismus nicht verloren, Menschen nämlich weitgehend nur im Kontext ihrer zwar bezahlten, aber rentablen Arbeits- und Marktfähigkeit zu benutzen. In der Zuspitzung regieren Käuflichkeit und Verkäuflichkeit. Das System zeigt sich bis zur Kenntlichkeit entstellt.

Mafiakonzerne vollziehen in extremer Weise, was der Kapitalismus an Mentalität durchgängig aufweist: nämlich auf Kosten anderer vorwärts zu kommen, das entscheidende Stück des Mehrseins und Mehrhabens den anderen gegenüber wenn nötig mit Gewalt herzustellen und zu erobern, damit die Gier (gar nicht zuerst die Habsucht) befriedigt wird. Der Finanzcrash zeigt den Irrsinn und die unzähligen Opfer dieser Strategien weltweit.

An dieser Stelle gehe ich in die Schule von Walter Benjamin, der vom Extremfall der Unterdrückten her einzusehen vermag, was im normalen Leben immer präsent ist, dem man aber nicht in die Augen schauen will. So gilt es, vom Extremfall des Menschenhandels her die eigene „Normalität“ zu begreifen: Es geht um eine ganz bestimmte zugriffige Warenästhetik innerhalb der Ökonomie der Kapitalisierung. Es geht um das Verhältnis von Autonomie und Begrenztheit von Autonomie und wie die letztere human zu gestalten ist. Überspitzte Autonomie bringt Rücksichtslosigkeit. Schon jede Instrumentalisierung eines Menschen, jedes ihn zum Objekt der eigenen Wünsche machen, ist eine Form oder Vorform der Sklaverei.

Es geht um die Unterbrechung kapitalistischer Systematik und Strukturalität bereits in den Köpfen, Herzen und Bäuchen der Menschen. Denn Menschenhandel und Menschensklaverei beginnen in den Köpfen, beginnen in den Herzen der Menschen, genährt von ihrer Gier und Herrschsucht. Es ist die Sucht nach Zugriffigkeit, Menschen in der Hand zu haben und zu halten, sie zu besitzen, sie für die eigenen Zwecke einzusetzen.

Bereits mit der väterlichen Drohung, „So lange Du Deine Füße unter unseren Tisch setzt, hast du entsprechend zu parieren!“, beginnt das Sklaventum, nämlich die Instrumentalisierung von Menschen für eigene Bereiche ohne ihre Freiheit zu achten. Wo Liebe an eine Wenn-Dann-Struktur gebunden wird, wo sie die Freiheit knebelt, wo sie mit Unterwerfung erkauft ist, beginnt das „Sklavenhaus“.

Es geht also darum, das Gut-Böse-Schema nicht aufzulösen, sondern in seiner Zuteilung zu irritieren, mit der Einsicht, dass es ähnliche Strukturen schon in der sogenannten Normalität des sozialpolitischen und ökonomischen Alltags gibt. Nämlich die Verzweckung des Menschen durch Unterbezahlung für Gewinnmaximierung.

Diese Haltung zeigt sich vor allem in der Doppelverdinglichung von Arbeit und Sexualität, in der Zwangsprostitution in der Kombination von beidem. Die Genderperspektive drängt sich unabweisbar auf und die entsprechende Herrschsucht und Unterwerfungssucht von Männern gegenüber den Frauen: warum ist gerade der Frauenhandel ein besonderer Anteil des Menschenhandels, mit der darin extremen Demütigung von Frauen als Frauen? Entsprechende Unterdrückungsmechanismen begegnen bereits im Alltag: Sexuelle Belästigung im Alltag, Ausgrenzungs- und Unterdrückungsstrategien, Mechanismen der Degradierungen und Beanspruchungen; kirchlich: im Sinne analoger Ausgrenzung von Frauen aus der strukturellen Macht. Es gibt wenige Kontexte und Rollenträger, die hier unschuldig sind. In der Sexualität der Zwangsprostitution ereignet sich die gewalttätige Demütigung am intensivsten, weil hier, wie bei der Folter, der Körper direkt getroffen wird.

Für den ganzen Beitrag von Prof. Dr. Ottmar Fuchs klicken Sie bitte auf das PDF Symbol…

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