Das Dilemma der Rückführungen

Sie lachen, doch welche Zukunft haben sie vor sich?

Ein neuer Bericht von Amnesty International legt offen, was die Menschen nach ihrer Rückkehr nach Afghanistan erwartet: Gewalt, Verfolgung und Folter. Das Land ist heute so gefährlich wie schon lange nicht. In ihrem am Donnerstag veröffentlichten Bericht fordert die NGO die europäischen Staaten und die EU dazu auf, die Abschiebungen von Afghanen zu stoppen. In Interviews mit Rückkehrern und mit internationalen Helfern vor Ort sowie mit der Analyse von Statistiken zeichnet Amnesty ein Bild der Lage: In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Zahl der Rückführungen nach Afghanistan – sowohl Abschiebungen als auch freiwillige Rückkehr – aus Europa fast verdreifacht; von 3290 auf 9460 Personen.

Gleichzeitig zeigen Zahlen der Vereinten Nationen (UN) einen Anstieg der Gewalt in Afghanistan – zivile Opfer 11.418. Allein in den ersten acht Monaten des heurigen Jahres gab es mehr als 16.290 Zwischenfälle, u.a. auch der Bombenanschlag im Mai in Kabul. Das Attentat war Anlass, dass Deutschland kurzzeitig alle Rückschiebungen nach Afghanistan einstellte. Seit September läuft die Rückschiebung aber wieder. 457 afghanische Staatsbürger wurden im ersten Halbjahr 2017 aus Österreich weggebracht. Ob in andere EU-Staaten oder nach Kabul, wird im Innenministerium nicht erfasst.

Laut Amnesty rechtfertigen viele Staaten ihre Praxis damit, dass in Teilen Afghanistans die Sicherheitslage stabil sei. Doch laut dem UN-Amt für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) sind 30 der 34 afghanischen Provinzen von Zwangsvertreibung betroffen. Insgesamt zwei Millionen Afghanen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Zwischen Jänner und Mitte September sind rund 258.000 Menschen dazugekommen. Allein heuer werden nach OCHA-Schätzungen 9,3 Millionen Afghanen humanitäre Hilfe benötigen. Und die Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer Religion oder sexuellen Identität mache vor keiner Region halt. Doch nicht nur in Europa erleben afghanische Flüchtlinge Zurückweisung: Die meisten der mehr als 2,5 Millionen Menschen, die außer Landes geflohen sind, befinden sich im Iran und in Pakistan. Vor allem Pakistan wird heuer bis zu eine Million Afghanen zur Rückkehr zwingen. Obwohl viele von ihnen bereits im Land geboren wurden.

Und genau das ist das Potential, aus dem Menschenhändler ihre Ware beziehen. Ein paar Versprechungen zu Verzweifelten in Not oder ausweglos scheinenden Situationen. Die Opfer glauben den rettenden Strohhalm gefunden zu haben, landen aber nur in einem anderen Zimmer der Hölle auf Erden. Somit werden die Länder des Westens zu Handlangern der international tätigen Menschenhändlerringe, die ihre Ware lukrativ und mit hohem Gewinn überall verkaufen kann. Es bleibt die bittere Frage: Wohin führen die Rückführungen?

Quellen: Amnesty International, derStandard, Jahresbericht der UN-Mission Afghanistan 2017, UNOCHA innere Migration in Afghanistan 2017

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